Deutschland, Nachhaltigkeit
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Gegensätze ziehen sich an – mein Frankfurt am Main Trip

Frankfurt am Main und Nachhaltigkeit – kann das zusammenpassen? Ich mochte es kaum glauben, wie gut das funktioniert. Doch zahlreiche Auszeichnungen und eine differenzierte Stadtpolitik machen es möglich!

Diese Woche war ich im Rahmen eines Seminars von meiner Hochschule für 3 Tage in der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Thema der Exkursion war Nachhaltigkeit in Unternehmen und wie diese sie umsetzen. Da ich bisher noch nicht in Frankfurt am Main war, habe ich mich natürlich sofort angemeldet und mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Mit im Gepäck waren eine Reihe an Vorurteilen, denn ich habe mir die Stadt als große stinkige Hochhaussiedlung vorgestellt. Vor Ort wurde ich allerdings schnell eines Besseren belehrt: die Metropole kann mit vielen Grünflächen und ihrem nachhaltiges Handeln punkten! Da auch die Inhalte des Seminars zum Nachdenken angeregt haben, möchte ich euch hier von meinem „Kurzurlaub“ berichten:

Tag 1: Bio-Hotel „Villa Orange“ und Akademie gesundes Leben

Die Anreise mit dem ICE verlief bis auf einen ungeplanten Umstieg recht reibungslos und erstaunlich schnell. Gerade mal 2,5 Stunden braucht man von Göttingen nach Frankfurt am Main. Am Bahnhof angekommen haben wir uns mit unserer Exkusionsleiterin Frau Schneider getroffen und es ging sofort los zu unserem ersten Ziel – dem Bio-Hotel „Villa Orange“ mitten in der Business-Hotel überladenen Frankfurter Innenstadt. Kaum eines dieser Hotels beschäftigt sich mit einem bewussteren Umgang mit Natur, Mitarbeiter und Gesundheit, sondern konzentriert sich auf das reine Bereitstellen von Unterkünften für Geschäftsleute. Schade, denn gerade Hotels haben einen unglaublich hohen Energie- und Wasserverbrauch und verursachen eine Menge Abfall. Gleichzeitig bieten sie aber auch vielfältige Möglichkeiten, das Hotelgeschäft nachhaltig umzusetzen. Ein Ansatz dafür ist es, sich als Bio-Hotel auszeichnen zu lassen.

Die Villa Orange hat diesen Schritt gewagt und hat das Hotel vor einigen Jahren zu einem 100%  BIO HOTEL umgebaut. Damit ist es das einzige Bio-Businesshotel der Stadt und bietet Geschäftsleuten und Privatleuten einen gesunden und nachhaltigen Aufenthalt in einem modernen Ambiente an. Wer sich als Bio-Hotel auszeichnen lassen möchte, muss viele Kriterien erfüllen. Dazu gehört nicht nur die Verwendung von biologisch angebauten Lebensmitteln, sondern auch die Nutzung von Ökostrom, eine nachhaltige und biologische Einrichtung, die Bereitstellung von Naturkosmetik und die Verwendung von biologischen Wasch- und Putzmitteln. Zudem kommt eine verantwortungsvoller Umgang mit den Mitarbeitern und eine langfristige Zusammenarbeit mit Zulieferern.

Bio kann auch schick sein.

Nach einer kurzen Führung durch das Haus hat uns die Hotelleiterin noch erzählt, dass es nicht immer leicht ist, alle Kriterien zu erfüllen, da gerade bei Wasch- und Putzmitteln die Wirkkraft von biologischen Produkten schnell nachlässt und es zurzeit noch nicht zu 100% möglich ist, auf chemische Stoffe zu verzichten. Die Hygiene geht in diesem Fall vor. Auch eine Klimaanlage sollte vermieden werden. Aber im Sommer sind die Zimmer zu heiß, sodass auch hier ein Kompromiss gewählt werden musste. Im Großen und Ganzen ist es allerdings nicht schwer, auf Bio umzustellen und einen nachhaltigen Hotelbetrieb zu führen. Finanziell lohnt es sich und man kann guten Gewissens die Werte des Hauses vertreten. Trotz des absoluten Alleinstellungsmerkmals wünscht sie sich mehr Hotels in der Stadt, die diesen Schritt mit ihr gehen. Die Profitierung einer Zusammenarbeit überwiegt eindeutig einer möglichen Gefahr durch Konkurrenz.

Der Besuch ging zu Ende und wir haben am Hauptbahnhof die S5 Richtung Bad Homburg gewählt, um von dort mit dem Bus zu unserer Unterkunft in Oberursel zu fahren. Die Akademie Gesundes Leben der Siftung Reformhaus-Fachakademie ist ein Bildungszentrum rund um das Thema gesundes Leben. Es ist kein Hotel, aber Seminarteilnehmer können dort übernachten und sich mit biologischen vegetarischen Lebensmitteln verwöhnen lassen. Neben den perfekt zum Lernen konstruierten Seminarräumen, der wunderbar entspannenden Gartenanlage und der von uns Studenten heiß geliebten Sauna, überzeugt die gesamte Anlage mit ihrem sehr zuvorkommenden Service. Wohlfühlen ist hier garantiert!

Für eine kurze Vorlesungseinheit sind wir direkt in einen Seminarraum gegangen. Gewartet hat auf uns schon ein kleines Kuchenbuffet und ein leckerer grüner Smoothie (Spinat, Sellerie, Kopfsalat, Bananen, Zitronen, Orangen, Kokosmilch, Apfelsaft, Orangensaft, Agarvendicksaft, Olivenöl). Alle Räumen zeichnen sich dadurch aus, dass sie keine rechten Winkel, keine abgeschlossene Decke besitzen und es immer einen Zugang nach draußen gibt. Diese Architektur kann ich wirklich sehr empehlen. Das Lernen fällt so viel leichter, weil man direkt entspannt. In der Gruppe haben wir diesen Effekt bemerkt, als wir darüber geredet haben, was Nachhaltigkeit bedeutet und wir den Besuch im Hotel Villa Orange reflektiert haben.

Das vegetarische Abendessen war ausgezeichnet. Da ich selbst fast ausschließlich vegetarisch lebe und gleichzeitig bisher nicht begeisert von Soja und Tofu war, bin ich umso überraschter von diesen leckeren Sojabällchen gewesen. Den Abend haben wir dann in der Gartenanlage und in der Sauna ausklingen lassen.

 

Tag 2: Demeterbetrieb „Quellenhof“ und „Green City Tour“

Das Frühstück bot eine breite Auswahl an Müslisorten, verschiedenen Brot- und Brötchenvariationen und einigen Aufstrichen und Käsesorten. Nicht fehlen durfte eine Obstplatte. Gut gestärkt konnten wir daher zu unserem ersten Tagesziel, dem Demeterbetrieb Quellenhof in Steinbach, aufbrechen.

Demeter ist die höchste bzw. strengste Zertifizierung von ökologischen Erzeugnisse, die es in Deutschland gibt. Sie übersteigt bei weitem die Anforderungen des europäischen Biosiegels. Seit 1984 setzt der 200-jährige Hof auf höchste Bioqualität und bietet heute, neben einem Hofcafé und einem Hofladen, gemütliche Gästewohnungen an. Vor Ort kann man die Arbeit auf einem Biobetrieb hautnah erleben. Leicht war der Einstieg nicht. Lange wurden sie von Kollegen und Nachbarn belächelt. Und auch heute gibt es nicht immer Verständnis für ihre Arbeit. Zudem machen ihnen die niedrigen Preise der konventionellen Konkurrenz zu schaffen und der biologische Anbau verbirgt auch unternehmerische Risiken. Da keine Dünger und Pflanzenschutzmittel erlaubt sind, kann die Ernte z.B. durch Schädlinge komplett ausfallen.

Vorne links sieht man den natürlich gewachsenen Weizen, der aufgrund des vom Kleegras unterschiedlich genährten Bodens wellenartig aussieht. Zudem kommen viele Blumen wie Kamille, Klatschmohn oder Kornblume, die es auf gespritzten Feldern sehr schwer haben. Direkt dahinter erkennt man den schon fast skuril wirkenden konventionellen Weizen, der absolut gleichmäßig gewachsen ist. Die kahlen Flecken auf dem Feldweg stammen von versehentlich neben dem Feld gespritzten Pflanzenschutzmitteln. Schwer vorstellbar, dass dessen Nutzung für uns nicht gesundheitsschädlich sein soll, wenn es doch so agressiv auf einfaches Gras wirkt und jegliches Leben dort zerstört…

Der Hofbesitzer Gerhard Heinrich und sein Sohn haben uns über Hof und Felder geführt. Sie erzählen von vielen Herausforderungen, die sie zu meistern haben. Sie müssen sich immer wieder neu erfinden, um den Hof rentabel bewirtschaften zu können. Die Neuste Idee: Vermietung von Feldabschnitten für den Privatgebrauch, damit auch Stadtbewohner und Kinder die Möglichkeit bekommen, ihr eigenes Gemüse anzubauen und Wertschätzung für Lebensmittel zu entwickeln.

Wir wurden noch kurz mit einem kleinen Mittagsimbiss versorgt. Danach ging es mit Bus und Bahn nach Frankfurt am Main zum Ostbahnhof. Dort wartete schon unsere Gästeführerin für die „Green City Tour“ (wir hatten uns verspätet, da wir von einem Platzregen überrascht wurden und uns kurz irgendwo unterstellen mussten – vergeblich, da alle bis auf die Knochen für den Rest des Tages klitschnass waren ^^).

Die Bewerbung von Frankfurt am Main im Jahr 2014 zur „Green Capital of Europe“ hat verschiedene Projekte und Initiativen in der Stadt zum Leben erweckt. So auch Pier F, einem Zentrum für Nachhaltige Architektur im Hafengebiet. Um Gästen aber auch Arbeitern die Möglichkeiten und Vorzüge nachhaltigen Handels besonders im Bereich Architketur und Bauen näher zu bringen, haben sie nicht nur ein Veranstaltungshaus und Co-Working-Space gegründet, sondern bieten Gästeführungen durch Frankfurt am Main an.

Unsere Tour führte uns in das Ostend, wo auch die EZB steht (s. Titelfoto). Das gesamte Hafengebiet soll langfristig umgenutzt werden und auch sonst verändert sich der Stadtteil. Die Gästeführerin hat uns zum Beispiel eine Lösung für Zwischennutzung gezeigt. Der Frankfurter Garten ist ein Gemeinschaftsprojekt von engagierten Bürgern. Dort können sie Pflanzen anbauen, bieten ein kleines Café an und halten seit neuestem sogar Bienen. Da die Fläche höchtwahrscheinlich Opfer der Erweiterung der U-Bahn-Station sein wird, ist auch die Zukunft des Garten ungewiss. Bis dahin ist es aber ein gutes Beispiel, wie freie Gelände mitten in der Stadt nachhaltig gestaltet werden können.

Baumhaus für die Bienen

Pflanzkästen für die Bürger

Außerdem hat sie uns erzählt, dass Frankfurt am Main sich dadurch auszeichnet, dass sie in der Verwaltung Verantwortliche für Fahrradfahren haben und sich dadurch die Mobilität in der Stadt weiter entwickelt hat. Zudem dürfen auf den Flächen der Stadt und auf den Flächen, die an Investoren verkauft werden, nur Baute entstehen, die mindestens dem Standard eines Passivhauses haben. Gewonnen hat sie den Wettbewerb nicht, aber die vielen Bemühungen zeigen, dass sich etwas tut in der Stadt. Das hat sie auch bitter nötig, da es meistens noch mal 2 Grad wärmer dort ist, als in der Umgebung. Wer mehr über die Aktionen erfahren möchte, sollte sich im Internet informieren. die Führung konnte nur einen Bruchteil dessen benennen, was alles getan wird.

Nach 2 Stunden war die Tour um. Wir haben uns dann in alle Richtungen gestreut auf der Suche nach einem gutem Restaurant gemacht. Gelandet sind wir im MoschMosch, einem japanischen Restaurant. Das rote Curry kann ich empfehlen und auch die anderen waren zufrieden. Allgemein fällt auf wie multikulti die Stadt ist. Egal ob afrikanisch, asiatisch oder arabisch, du kannst jede Küche ausprobieren. Die Fülle an Restaurants ist beeindruckend. Es lohnt sich, in die Nebengassen zu schauen.

 

Tag 3: Nachhaltigkeitsbank „Triodos“ und Stadtbummel

Der letzte Tag führte uns zur Nachhaltigkeitsbank „Triodos“. Wenn man über Nachhaltigkeit spricht, vergisst man oft, dass man den Finanzsektor ebenso mit einbeziehen muss. Zum Einen haben Banken einen großen Einfluss darauf, wer Kredite und Investitionen erhält und bestimmen somit einen Großteil der globalen Entwicklung. Zum Anderen geht es auch um einen fairen Umgang mit den Bankkunden. Dazu gehört die Gewährleistung, dass das Geld sicher angelegt wird und dass die Bank transparent darstellt, was und wie sie mit diesem Geld handelt. In Zeiten von wilden Spekulationen und Investitionen in Unternehmen, die keine Privatperson aus ethischen oder ökologischen Gründen unterstützen würde, ist dies keine Selbstverständlichkeit mehr.

Die Triodos hat sich seit 40 Jahren zur Aufgabe gemacht, ein ehrliches und auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Bankgeschäft zu führen. Und das mit aller Konsequenz. Kredite bekommen nur nachgewiesen nachhaltige Projekte und der Kunde kann immer verfolgen, wofür sein Geld genutzt wird. Der Besuch hat deutlich gemacht, welche Macht die Banken haben und welche Macht wir ihnen schenken mit unserem Geld. Das Gespräch hat uns alle zum Nachdenken gebracht. Jeder sollte für sich entscheiden, ob er damit leben kann, dass mit seinem Geld Dinge getan werden, die wir nicht wollen, es aber nicht erfahren, weil die Banken es nicht transparent gestalten. Ein Blick in die Angebote der Nachhaltigkeitsbanken in Deutschland lohnt sich aber auf jeden Fall. Denn sie sind nicht zwangsweise teurer und mit einem Öko-Image hat das Ganze wenig zu tun. Es ist ein knallhartes Bankgeschäft, nur eben fair und transparent.

Ein Ausblick wie man ihn in Frankfurt am Main erwartet.

Bis unser Zug am Abend fuhr, hatten wir noch den gesamten Nachmittag zur freien Verfügung. Unser erstes Ziel war ein kleines, unscheinbares Indisches Restaurant („Bombay“, direkt gegenüber vom neuen Skyline Plaza), an dem wir fast vorbei gelaufen wären. Nur die Schlange an der Kasse, die bis weit aus dem Laden reichte, weckte unsere Aufmerksamkeit. Das Essen war üppig und sehr sehr lecker!

Danach haben wir unser Gepäck im Hauptbahnhof eingeschlossen und sind Richtung Main gelaufen. Die Mainpromenade ist schön grün und lädt zum entspannten Spazieren ein. Oder ihr setzt euch mit einer Decke auf die vielen Rasenflächen und beobachtet das Treiben am Wassser. Unser Ziel war die Frankfurter Altstadt. Da gerade große Teile rekonstruiert werden, trafen wir auf viele Baustellen. Der „Römer“ war aber zugänglich und das Standesamt lässt sich auch sehen. Für die Altstadt würde ich aktuell allerdings nicht nach Frankfurt am Main reisen, da es definitiv andere Städte gibt, die mehr zu bieten haben. Ich werde aber in ein paar Jahren noch mal hinfahren und schauen, was sie aufgebaut haben und wie sich die Stadt verändert hat.

 

Zurück am Bahnhof hieß es dann ab zurück nach Göttingen und auf Wiedersehen Frankfurt am Main. Ich denke, drei Tage reichen für die Stadt vollkommen aus. Lohnen könnte sich ein Ausflug in die Umgebung z.B. dem benachbarten Taunus, den man relativ schnell mit Bus und Bahn erreichen kann. Und auch Bad Homburg ist sicherlich einen Kurzbesuch wert und gerade mal 15 Minuten mit der S-Bahn von Frankfurt am Main entfernt.

Mein Fazit:

Insgesamt kann ich sagen, dass ich positiv überrascht von der Stadt bin. Sie hat neben den vielen vielen Neubauten und Hochhäusern einige historische Gebäude zu bieten. Sie fließen harmonisch ineinander über. Dazu kommt das viele Grün und die schönen alten Bäume, die es in fast jeder Straße zu bewundern gibt. Frankfurt am Main wird aufgrund der eher wenig spektakulären Altstadt nicht zu meinen Lieblingsorten gehören. Ich lasse mich aber gerne ein zweites Mal begeistern und komme sicherlich wieder.

Die Adressen und Links habe ich euch jeweils markiert. Vielleicht könnt ihr mir von euren Frankfurt am Main Erfahrungen berichten? Ich bin mir sicher, dass ich noch nicht alle gesehen habe! Lasst gerne ein Kommentar da 🙂

Wer mehr über Nachhaltigkeit erfahren möchte, kann durch meine Beitragskategorie  Nachhaltigkeit stöbern.

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