Nachhaltigkeit, Wald
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Seminar Denken und Handeln in Ökosystemen – Teil 1

Heute möchte ich euch den ersten Teil meines vierteiligen Erlebnisberichtes über die Teilnahme am Seminar „Denken und Handeln in Ökosystemen: Natur als Vorbild für Unternehmen, Organisationen und Teams“ vorstellen. Seid herzlich eingeladen gemeinsam über dieses Thema zu diskutieren. Am Ende leite ich euch noch alle nötigen Kontaktdaten und Tipps zum Nachlesen weiter. Das Seminar wurde vom Deutschen Rat für Nachhaltige Entwicklung als „Projekt Nachhaltigkeit 2017“ ausgezeichnet. Umso glücklicher bin ich, die Chance zu haben, daran teilzunehmen.

Vielleicht denkt ihr euch gerade, nanu? Kein Reisebericht? Nein, nicht direkt. Allerdings möchte ich euch mit meinem Blog eben nicht nur Reiseziele und Reisemöglichkeiten zeigen, sondern ebenso über Themen sprechen, die das Reisen indirekt betreffen. Dazu zählt unser Verhalten in der Natur und der Umgang mit unserer Umwelt. Umso wichtiger finde ich es, mehr darüber zu erfahren. Da ich mir sicher bin, dass es euch ebenso interessieren wird, möchte ich euch in diesem ersten Teil von meinem ersten Seminartag berichten:

Tag 1: Natur als Vorbild für Unternehmen?! und Waldworkshop

Meine Hochschule bieten uns Studenten die Möglichkeit an, sich neben dem Hauptstudium mit Hilfe von diversen Zusatzkursen weiterzubilden. Dazu gehört dieses Seminar. Diese Kurse sind studiengangübergreifend, sodass ich zusammen mit Forstwissenschaftlern, Arboristen, Green Building Studenten und anderen Regionalmanagement und Wirtschaftsförderungs Kommilitonen im Vorlesungsraum saß. Dr. Stefan Rösler begrüßte uns mit einer kleinen Vorstellung seiner Person und was uns im Seminar erwarten wird.

Das Seminar möchte deutlich machen, dass die Natur bzw. deren Systeme nicht nur eine direkte Relevanz für unser Leben haben, sondern dass diese ebenso auf die Arbeit eines Unternehmens übertragbar sind. Die Natur ist so ziemlich das erfolgreichste Unternehmen, das wir auf dieser Welt kennen. Seit Millionen von Jahren trotz sie jeder Krise, entwickelt sich stetig weiter und baut höchst durchdachte und aufeinander abgestimmte Systeme auf. Der Gedanke sollte daher nahe sein, sich diese hoch effektive Herangehensweise genauer anzusehen und zu hinterfragen, ob ein Unternehmen nicht noch von ihr lernen kann. Denn ein Unternehmen ist nichts anderes als ein Ökosystem. Doch dazu später mehr.

Zunächst sind wir der Frage auf den Grund gegangen, was der Unterschied zwischen einer evolutionären und einer nachhaltigen Entwicklung ist. Evolution findet immer statt, egal ob in Form von Anpassung oder Mutation. Auch wenn wir sie nicht direkt bemerken, da sie oft sehr langsam arbeitet. Genau wie bei einem Unternehmen wird die Entwicklung von äußeren Einflüssen beeinflusst, auf die es zu reagieren gilt. Jedes Unternehmen durchlebt daher seine ganz eigene Evolution.

Nachhaltigkeit ist hingegen der Versuch, eine ähnliche Konstante wie die Evolution in bestimmte Prozesse einzubringen. Der Begriff Nachhaltigkeit wird in den letzten Jahren zunehmend von Unternehmen genutzt, sodass er schon fast zum Modewort verkommen ist. Auch wenn er uns relativ neu erscheint (1992 in Rio wurde Nachhaltigkeit erstmals fest definiert), so wurde das Prinzip doch bereits vor 300 Jahren zum ersten Mal erwähnt. Ein Bergmann hat bemerkt, dass die Stützen für den Stollen nicht wahllos aus dem Wald vor der Grube herausgeholt werden sollten. Er hat erkannt, dass es viel effizienter ist, den Wald nicht komplett für die Stützen abzuholzen, sondern eine nachhaltige Forstwirtschaft zu betreiben, um durchgängig und über viele Jahre regelmäßig Holz daraus schlagen zu können. Der Gedanke der Nachhaltigkeit war geboren und ich frage mich ehrlich gesagt, warum wir das Prinzip auch nach 300 Jahren immer noch nicht fest in unser Leben verankert haben.

Wenn ihr mehr über das Thema Nachhaltigkeit erfahren möchtet, schaut euch meine neue Beitragskategorie „Nachhaltigkeit“ an. Dort werde ich zukünftig auch Tipps zum nachhaltigen Reisen reinstellen und den Begriff erklären.

Nachhaltigkeit

In einem kurzen Vortrag über die aktuellen Probleme und dem fehlenden Gedanken der Nachhaltigkeit in unserem Handeln haben wir wieder ein mal bemerkt, dass ein Ungleichgewicht zwischen Zu- und Abnahme von Ressourcen aus der Natur herrscht und die ökologischen Grenzen des Wachstums nicht beachtet werden. Wir leben definitiv über unsere Verhältnisse. Deutschland hat bereits im April seine maximale Ressourcenverbrauchsgrenze für 2017 überschritten. Für die gesamte Welt wird diese Grenze für August prognostiziert. Die Weltbevölkerung bräuchte 1,7 Erden, um ihren aktuellen Bedarf an Ressourcen zu decken, Deutschland sogar 3,2! (Quelle:  https://germanwatch.org/de/13767 )

Da stellt sich doch die Frage, ob wirtschaftlicher Erfolg immer an Wachstum geknüpft sein sollte und ob wir unser System nicht anders aufziehen müssten? Vor dem Seminar hätte ich nicht gedacht, dass wir so viel diskutieren würden. Aber unsere Runde hat immer wieder kluge Fragen gestellt, über die wir gesprochen haben. Nur konkrete Lösungen haben wir leider auch nicht gefunden. Denn das Problem ist kein Wissensdefizit. Wir wissen, wie Nachhaltigkeit funktioniert und jedem ist bewusst, dass es keinen Weg drum herum geben kann. Sogar technische Lösungen wären kein Problem. Doch an der Umsetzung scheitert es und hindert uns, die nötige Kertwende zu gestalten.

Doch bevor wir an der schweren Lösungssuche verzweifeln, kommen wir lieber zu Möglichkeiten, die wir bereits jetzt nutzen können. Und dazu gehört es, als Unternehmen Parallelen zum Ökosystem Natur ziehen zu können. Um das zu lernen, sind wir in den Stadtwald von Göttingen nahe Herberhausen gefahren. Das Ökosystem Wald bietet eine Vielzahl an funktionierenden Systemen. Der Waldworkshop mit Dr. Stefan Rösler gehört für mich zu den beindruckensten Fortbildungen, die ich bisher erleben durfte. Jeder Teilnehmer betrachtet den Wald nun mit ganz anderen Augen. An jeder Ecke lauert ein Potential, eine Struktur, eine Arbeitsweise, die so viel effizienter ist, als das, was wir tagtäglich erleben. Man muss nur erst mal darauf aufmerksam gemacht werden.

Das unter Naturschutz gestellte Waldgebiet wird zum großen Teil sich selbst überlassen und birgt eine große Vielfalt an Arten, die sich selbst entfalten können. Für unser Vorhaben bot er die perfekte Gelegenheit, da wir natürliche Prozesse ohne Einfluss des Menschen beobachten konnten.

Bevor es in den Wald ging, gab es eine kurze Orientierung und eine Einführung in die Besonderheit des Göttinger Stadtwaldes.

Bestimmt ist jeder von euch schon mal im Wald spazieren gegangen. Man hört die Vögel, den Waldboden unter den Füßen, riecht vielleicht ab und an etwas Besonderes. Doch wusstet ihr, dass wir über 80% über unsere Augen wahrnehmen und die restliche Sinne gar nicht effektiv nutzen? Wir sollten uns ruhig hinstellen und für eine Minute die Augen schließen. Es ist unglaublich, was man dann auf einmal alles wahrnehmen kann. Z.B. weiß man nun, wo die Vögel zwitschern, man spürt den Wind, kann räumlich einschätzen, wo sich was bewegt z.B. wohin das Insekt gerade geflogen ist. Wir nutzen also nur einen Bruchteil unserer Möglichkeiten. Doch das ist gefährlich. Denn gerade die Optik kann uns täuschen, denkt man beispielsweise an besonders bunte Tiere, die mit ihren Farben ihre Opfer anlocken und dabei höchst giftig sind. Unternehmen nutzen dieses Verhalten ebenfalls für sich z.B. mit bestimmten Werbemaßnahmen. Auch für Unternehmen gilt daher:

Kenne das Verhalten der Anderen, passe dich an und nutze es für deine Zwecke

Im Wald herrscht ein regelrechter Kampf ums Überleben. So richtig bewusst ist mir das erst vor Ort geworden. Jede Pflanze möchte das beste Licht, den optimalsten Standort, den besten Zugang zu Wasser und gewinnen gegen andere ihrer Art und allen Anderen. Doch sie alle müssen sich in einem Ökosystem Wald bewegen. Unter der Krone einer gesunden Buche tummeln sich z.B. viele kleine junge Bäumchen, die darauf warten, sich entfalten zu können. Ohne den Verlust der großen Buche würde dies aber nie geschehen, da die jungen Bäume keinen Platz und nicht genügend Licht haben, wenn sie weiterhin stehen bleiben würde. Und wenn die Buche nicht mehr stehen würde, schafft es auch nur ein Bruchteil der neuen Bäume, sich durchzusetzen. Alle anderen müssen entweder weichen oder warten darauf, dass sie irgendwann an die Reihe kommen. Doch ist das jetzt ein Konkurrenzverhalten oder eher ein ausgeklügeltes Kooperationssystem, da es immer so weiter laufen wird? Übertragen auf die Wirtschaft könnte das ganze System um und mit der Buche den Markt abbilden. Der Beste setzt sich durch und gewinnt die Marktführerschaft (Buche). Alle anderen Unternehmen (junge Bäume oder andere Pflanzen) warten auf ihre Chance. Die einzige Wahl, die sie haben, ist sich zu spezialisieren oder sich gegenseitig zu unterstützen. Der Sauerklee hat sich z.B. daran angepasst, mit einer geringsten Menge an Licht zu überleben. Er besetzt zwar sozusagen nur eine Nische im System der Buche, aber er hat seine Berechtigung und setzt sich durch. Die vielen kleinen Buchen leben fair miteinander und sparen sich ihre Kräfte für den wirklich wichtigen Moment. Wir können daraus lernen:

Spezialisiere dich oder kooperiere mit Anderen, um auf dem Markt bestehen zu können

Zurzeit kann man ein großes Eschensterben beobachten. Normalerweise entwickeln die Pflanzen oder wir Menschen ein Gegenmittel. Allerdings hat bisher weder die Esche noch der Mensch die passende Lösung gegen den Schimmelpilz gefunden. Es bleibt abzuwarten, ob die Esche es noch rechtzeitig schafft, sich anzupassen und resilent zu werden. Doch nicht nur die Esche ist von dieser Entwicklung beeinflusst. Das komplette System um sie herum muss sich neu aufstellen. Die ganze Situation löst eine Dynamik aus, die nicht nur Verluste sondern auch neue Lösungen entstehen lässt. Der Specht freut sich beispielsweise über das leichter zugängliche Holz. Überträgt man das auf die Politik, so kann man etwas ganz Ähnliches beobachten, wenn eine neue Partei auftaucht. Das System der bisher etablierten Parteien mischt sich auf und sie versuchen sich an die neue Situation anzupassen und besser zu werden, um dem Eindringling keine Chance zu geben. Dadurch müssen sich alle Beteiligten immer wieder neu entwickeln, sodass fortlaufend die Qualität gesichert wird.

Qualitätssicherung durch Auslese und Agilität

Absterbeprozesse sind Innovationstreiber

Mitten im frisch grünen Wald ist deutlich die fast blattlose Esche zu erkennen.

Die Beispiele zeigen bereits, dass es viele Verbindungen gibt zwischen natürlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Allerdings kann die Natur sogar Ratschläge für die direkte Arbeit im Unternehmen oder in einem Team geben. Nehmen wir z.B. das Thema Kommunikation. In der Tier und Pflanzenwelt gibt es ausgeklügelte Kommunikationsstrategien. Diese basieren nicht etwa auf komplizierte Methoden, sondern auf eine klare und direkte, aber gut durchdachte Kommunikation, die ein bestimmtes Ziel verfolgt. Wenn ein Vogel einen bestimmten Laut von sich gibt, hat er genau diese Bedeutung und alle anderen verstehen direkt, was er meint. Diese Kompetenz fehlt vielen Mitarbeitern und Führungskräften, da sie sich häufig in wilde Umschreibungen oder unklaren Ansagen verlieren. Dadurch läuft das Unternehmen langsamer als es eigentlich nötig wäre. Das Team sollte deswegen eine

klare und zielgerichtete Kommunikionstrategie

aufstellen und sich daran halten.

Dr. Stefan Rösler beherrscht nicht nur die Sprache der Natur, sondern kann sie uns Teilnehmern auch noch wunderbar verständlich erklären. Mehr über ihn erfahrt ihr unter: http://www.oecoach.de

Die letzte Aufgabe des Tages war, einen Gegenstand aus dem Wald mit in den Seminarraum zu nehmen, der eine Lehre aus der Natur für Unternehmen symbolisiert. Ich habe mich für ein Waldmeisterpflanze entschieden, die perfekt und gerade gewachsen ist, aber einen vermeintlichen Makel mit einem abgefressen Blatt hat. Es soll das Teilen symbolisieren und deutlich machen, dass auch das unperfekte perfekt ist. Ein erfolgreiches Unternehmen kann für sich allein gewinnbringend sein, aber einen Mehrwert hat es erst, wenn es seinen Gewinn teilt. Genau wie das angeknabberte Blatt dem Waldmeister keinen Nachteil bringt, würde eine kleine Abgabe dem Unternehmen nicht wehtun. Im Gegenteil, da z.B. die Schnecke damit glücklich gemacht wurde, die wiederum für Vögel eine wichtige Nahrungsquelle darstellt. Warum nicht auch als Unternehmen den Erfolg mit anderen teilen?

Mein Fazit des ersten Tages:

Alles und jeder hat seine Daseinsberechtigung und einen Platz im System und der Mensch verhält sich natürlicher als man denkt, aber nicht natürlich genug für die Umwelt.

Mein Lieblingsbild des Tages:

Wusstet ihr, das Bärlauch so schön blühen kann?

Seid ihr gespannt wie es an Tag 2 weitergeht und möchtet erfahren, was es mit dem Ressourcen-Baum auf sich hat? Dann klickt hier einfach weiter:

Denken und Handeln in Ökosystemen – Teil 2

 

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